In Kreuzberg soll ein Eckgebäude aus den 1960er Jahren zu Ende gebaut werden – siebzig Jahre nach seiner Entstehung. Zwei zusätzliche Geschosse, ein Anbau im Innenhof und eine energetische Fassadensanierung sollen acht neue Wohnungen zu den 16 Bestandswohnungen ergänzen, mitten in einem der am dichtesten bebauten Kieze Berlins. Es ist ein Umbau, kein Neubau: Das Vorhaben nimmt das Vorhandene ernst, statt es zu ersetzen.
Das heutige Gebäude ist selbst schon eine unvollendete Antwort auf seinen Ort. Es bleibt in der Höhe hinter der gründerzeitlichen Nachbarschaft zurück und hinter dem einstigen Kopfbau von 1886, der die Kreuzung einst räumlich fasste. Die Aufstockung schließt diese Lücke – nicht als Rekonstruktion, sondern als Weiterschreiben: Sie nimmt die historische Höhenentwicklung des Blockrands wieder auf, ohne den rundenden Schwung der Bestandskubatur zu verleugnen, die dem Haus seinen eigenen Charakter gibt.
Auch konstruktiv denkt der Entwurf vom Bestand her. Holzbau statt Massivbau, wiederverwendete Bauteile in der Fassade des Hofanbaus, eine Materialität, die sich vom Bestand absetzt, ohne mit ihm zu brechen – die Aufstockung markiert sich als das, was sie ist: eine neue Schicht auf einem gewachsenen Gebäude, kein Versuch, seine Herkunft zu verwischen.
Diese Haltung setzt sich im Freiraum fort. Der heute vollständig versiegelte Innenhof über der Tiefgarage wird zum Spielhof mit dem Leitmotiv „Terrassen“ – Sandflächen, Holzstämme, robuste Pflanzflächen auf unterschiedlichen Ebenen. Der ehemals vollständig versiegelte Hinterhof wird zu einem Ort, der trotz der Unterbauung grün, wasserspeichernd und nutzbar ist.
Am Ende steht ein Gebäude, das seine eigene Geschichte fortschreibt, statt sie zu überschreiben: verdichtet, ohne den Bestand zu entwerten, gewachsen, ohne den Ort zu verleugnen. Es entsteht dringend benötigter Wohnraum in Kreuzberg – und ein Haus, das zeigt, wie sich das Zusammenleben in einem dichten Kiez auch über den eigenen Bestand hinaus weiterentwickeln lässt.